ZUM TOD VON KLAUS KINKEL

Der frühere Außenminister bei einer Buch-Vorstellung in Berlin im Jahr 2014.

 

Machtspiele waren nie Kinkels Sache

 

 Klaus Kinkel war BND-Chef, Außenminister und FDP-Chef. Jetzt ist er mit 82 Jahren gestorben. Sein Weg war eng verbunden mit dem von Hans-Dietrich Genscher.

 Thomas Sigmund

05.03.2019

 Der frühere Außenminister bei einer Buch-Vorstellung in Berlin im Jahr 2014.

 Berlin. Eines der letzten Telefonate, das ich mit Klaus Kinkel geführt habe, war am 31. März 2016. Es war der Todestag von Hans-Dietrich Genscher. Kinkel war damals zu dessen Witwe nach Bonn geeilt, um ihr als enger Freund der Familie beizustehen.

 Die Worte, die er gut zwei Wochen später beim Staatsakt für seinen Vorgänger im Amt des Bundesaußenministers fand, waren bewegend. Genscher habe sich zuletzt Sorgen um Europa gemacht, sagte Kinkel im vollbesetzten ehemaligen Plenarsaal des Bundestags in Bonn.

 Am Montag ist Klaus Kinkel im Alter von 82 Jahren nun ebenfalls gestorben.

 Die Sorge um Europa traf auch auf Kinkel zu. „Europa wächst nicht aus Verträgen, es wächst aus den Herzen seiner Bürger oder gar nicht“, sagte er in kleiner Runde. Eine Botschaft, die an einem Tag, an dem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron einen flammenden Appell an die europäischen Bürger richtet, aktueller klingt denn je.

 Kinkel, der 1936 in schwäbischen Metzingen geboren wurde, war kein geborener Politiker. Eigentlich wollte er wie sein Vater Arzt werden. Dann schwenkt er allerdings auf die Juristerei um, machte seinen Doktor und wurde Spitzenbeamter in einer Unterbehörde des Bundesinnenministeriums.

 1970 wurde Kinkel vom damaligen Innenminister Genscher entdeckt, der ihn 1979 zum Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes (BND) machte. Als Staatssekretär und schließlich auch als Justizminister saß Kinkel an einer der Schaltstellen der schwarz-gelben Koalition von Kanzler Helmut Kohl (CDU).

 Nach Genschers überraschendem Rücktritt im Jahr 1992 folgte der „Ziehsohn“ seinem Förderer im Auswärtigen Amt und führte es mehr als sechs Jahre lang. Aus dieser Zeit ist vielen noch die Begebenheit in Erinnerung, als Kinkel dem Dalai Lama in den Arm fiel.

 Der wollte ihm bei einem Besuch in Bonn 1995 einen seiner weißen Seidenschals um den Hals legen. Darüber, dass er der erste deutsche Außenminister war, der trotz des Widerstands aus China das Oberhaupt der Tibeter empfangen hatte, sprach anschließend niemand mehr.

 So eng wie die politischen Lebensläufe von Genscher und Kinkel verwoben waren, so unterschiedlich waren sie auch. Genscher war der politische Akrobat, der gleichzeitig mit mehreren Bällen in der Luft jonglierte. Kinkel derweil war ein Mann, dem nie der Vorwurf gemacht wurde, er sei nicht politisch geradeheraus.

 „Aufrecht und bescheiden“

 Die FDP sah in ihm keinen Visionär, doch sie wusste in seiner Zeit als Parteivorsitzender von 1993 bis 1995 immer, woran sie war. Die Machtspiele waren nie Kinkels Sache. Seine Nachfolger Guido Westerwelle oder Christian Lindner sah er wohlwollend, hatte zu ihnen aber eher ein sachliches Verhältnis.

 Der aktuelle FDP-Chef Lindner kondolierte bereits via Twitter: „Der Tod von Klaus Kinkel geht mir nahe. Er war ein aufrechter und bescheidener Mann mit Charakter, dessen freundschaftlichen Rat ich sehr geschätzt habe.“ Er habe Kinkel viel zu verdanken. Die FDP-Bundestagsfraktion kondolierte ebenfalls und schrieb: „Er bleibt unvergessen.“

 Die wohl größte private Tragödie für Kinkel war der tödliche Verkehrsunfall seiner ältesten Tochter, eines von vier Kindern, die 1982 mit 20 Jahren starb. Nach der Abwahl von Schwarz-Gelb saß er noch bis 2002 im Bundestag.

 Später arbeitete Kinkel als Anwalt. Ein paar Jahre lang war er auch Vorsitzender der Stiftung der Deutschen Telekom. Er setzt sich für ein Ende des Kooperationsverbots zwischen Bund und Ländern ein.

 Bis ins hohe Alter spielte Kinkel Tennis, ging laufen oder fuhr Ski. Zuletzt lebte er in Sankt Augustin bei Bonn.

Handelsblatt

 

Ein aufrechter und bescheidener Mann

Von Wolfram Neidhard

Zwei Jahrzehnte lang wirkte Klaus Kinkel erfolgreich in verschiedenen Regierungsämtern. Unter Kanzler Kohl führte er zwei Ministerien. Dagegen stand seine Tätigkeit als FDP-Bundesvorsitzender unter keinem guten Stern.

Klaus Kinkel konnte einem fast schon leidtun: Viel Kritik prasselte auf ihn herab, garniert mit Häme. Der außerordentliche FDP-Parteitag Ende 1994 im thüringischen Gera entwickelte sich zu einer Art Abrechnung mit dem Parteivorsitzenden, der sich bereits in Regierungsämtern bewährt hatte. Seit 25 Jahren waren die Liberalen schon in Regierungsverantwortung – erst mit der SPD, seit 1982 mit der Union. Die Partei war nach einem Superwahljahr ausgelaugt. Wichtige Parteigrößen wie Hans-Dietrich Genscher und Otto Graf Lambsdorff waren nicht mehr in der ersten Reihe. Die FDP hatte damals ein sehr dünnes Personalpolster, deshalb übernahm Kinkel ihre Führung, ohne allerdings in der Lage zu sein, in die Fußstapfen der Altvorderen zu treten.

Kinkel mühte sich in seiner Rede, Zuversicht zu verbreiten und die Delegierten aufzumuntern. Doch er war kein großer Redner. Von Aufbruch keine Spur, und das FDP-Volk ließ seinen Vormann ziemlich deutlich wissen, dass es ihn eigentlich loswerden will. Kinkel und der FDP-Vorsitz – das war ein einziges Missverständnis. Mitte 1995 war dann nach einer Niederlagenserie bei Landtags- und Kommunalwahlen auch Schluss als Parteichef. Kinkel wirkte nach der Übergabe des Amtes an Wolfgang Gerhardt erleichtert.

Er war von seinem Wesen eigentlich nicht der Mann für die erste Reihe, schon gar nicht ein politischer Lautsprecher. Eigentlich auch kein Parteipolitiker, geschweige denn einer, der mit flotten Sprüchen und gezielten Überspitzungen die Mitglieder zum Toben bringen konnte. Der Schwabe trat erst 1991 in die FDP ein und brachte dementsprechend auch nicht den liberalen Stallgeruch mit. Deshalb verletzten ihn Intrigen und Boshaftigkeit besonders – auch weil sie ihn unvorbereitet trafen.

Kinkel war ein Spitzenbeamter. In den frühen 1970er-Jahren managte er während der sozial-liberalen Regierungszeit Genschers Büro, danach leitete er den Planungsstab im Auswärtigen Amt. Von 1979 bis 1982 war er Chef des Bundesnachrichtendienstes. Neun Jahre lang war er Staatssekretär im Bundesjustizministerium. Dort baute er sich eine Hausmacht auf, die ihn bedeutender und mächtiger als den Minister werden ließ.

Bei Genschers Rücktritt als Bundesaußenminister 1992 war Kinkel als Justizminister bereits Mitglied des schwarz-gelben Kabinetts von Bundeskanzler Helmut Kohl. Dieses Amt lag ihm, es produzierte auch nicht jeden Tag Schlagzeilen. Kinkel und die Justiz – das passte. Doch dann kam das Auswärtige Amt. In dieses wollte eigentlich die als Bauministerin unglückliche Irmgard Adam-Schwaetzer. Doch die FDP-Männergarde – allen voran der umtriebige Jürgen Möllemann – verhinderten dies. Adam-Schwaetzer verlor gegen Kinkel in einer Kampfabstimmung und vergoss danach bittere Tränen.

Als Außenminister machte Kinkel keine großen Fehler. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Genscher setzte er aber auch keine großen Akzente, obwohl die Kriegswirren im ehemaligen Jugoslawien in seine Amtszeit fielen. Kanzler Kohl, zunehmend von den wirtschaftlichen Problemen nach der deutschen Wiedereinigung gebeutelt, nutzte seine Richtlinienkompetenz und stürzte sich seinerseits verstärkt in die Außenpolitik. Von Kinkel brauchte er keinen Widerstand fürchten. Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt sprach deshalb einmal vom „kleinen Kinkel“.

Nach Kohls Niederlage bei der Bundestagswahl 1998, bei der auch die FDP auf die harten Oppositionsplätze verwiesen wurde, musste auch Kinkel seinen Ministersessel räumen. Er tat dies ohne Groll und hielt sich aus der Tagespolitik weitgehend heraus. Bis 2002 saß Kinkel noch für die FDP im Bundestag. Danach arbeitete er als Anwalt und saß noch bis 2014 als Chef der Deutschen-Telekom-Stiftung vor.

Kinkel engagierte sich in sozialen Projekten für behinderte Menschen. Privat musste er 1982 einen schweren Verlust verkraften: Er verlor eine Tochter durch einen Verkehrsunfall.

FDP-Chef Christian Lindner würdigte seinen Vorgänger als „aufrechten und bescheidenen Mann mit Charakter“. Klaus Kinkel starb am 4. März 2019 in Rostock.

Quelle: n-tv.de

 

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